Nordische Geschiebe im Findlingsgarten Seddiner See
02.02.2025 / 25.04.2025
Der nachfolgende Artikel wurde bereits 2008 im online-Magazin "leitfossil.de" publiziert. Ähnliche Textfassungen befinden sich zudem auf der Homepage sowie auf einem Flyer des Findlingsgartens Seddiner See. Hier postum eine etwas veränderte Fassung sowie ein Anhang mit aktuellen Ansichten vom Findlingsgarten Seddiner See, eine "bunte" Vielfalt weiterer eiszeitlicher Geschiebe sowie biotopische Anmerkungen.
Als Geschiebe bezeichnet man die von Gletschern des Eiszeitalters aus ihren Ursprungsgebieten im Norden und unterwegs aufgenommenen und nach Süden "geschobenen" und beim Abtauen abgelagerten kleineren und größeren Gesteinsbruchstücke. Wir kennen sie eher unter dem Namen Feldsteine, eine übliche Bezeichnung für die von den Ackerflächen abgesammelten Geschiebe. Solche aufgesammelten und an den Ackergrenzen zu Steinhaufen und -wällen abgelagerten Feldsteine sind oft besondere Biotope und Lebensräume für Kleinsäuger, Kriechtiere und Insekten. Sie stehen ebenso wie die Großfindlinge unter Naturschutz und dürfen nicht abgetragen werden. Die Großfindlinge werden erfasst und stehen als Geotop unter Naturschutz. Im Land Brandenburg sind ca. 700 Großfindlinge, von jeweils mehr als einem Kubikmeter Volumen, registriert und kartiert worden.

Abb. 01: Zwei frisch ausgegrabene tonnenschwere Großfindlinge, Ackerfläche östlich von Beelitz.

Abb. 02: Lesesteinhaufen am Feldrand eines Spargelfeldes bei Beelitz.

Abb. 03 u. 04: Kambrischer Sandstein als Feldfund (links), überwachsener und teilweise abgetragener Lesesteinhaufen an einem Feldrand (rechts).
Solche Haufen und Wälle aus Findlingen bzw. Feldsteinen aus älteren Zeiten der Feldwirtschaft finden sich recht zahlreich an den Waldrändern mehrere Kilometer südlich des Seddiner Sees im Gebiet zwischen Schlunkendorf, Zauchwitz und Stücken sowie zwischen Beelitz-Schönefeld, Elsholz und Rieben. Diese Gegend war und ist reich an Geschieben, besonders auch an Großgeschieben. Hier wurden bereits vor 150 Jahren Steine in großen Mengen ausgegraben, gesammelt, beschlagen und auch gesprengt, um sie dann für die verschiedensten Zwecke wie zum Bauen oder als Pflasterung zu nutzen. Die Findlinge und Feldsteine im Findlingsgarten Seddiner See stammen zum überwiegenden Teil aus dieser Gegend und zwar aus der jetzigen landwirtschaftlichen Nutzung, dem Spargelanbau.

Abb. 05: Spargelfeld südlich von Seddin (Spargelwälle unter Folie), eingeblendet ein Bild vom Spargelstechen.
Dass immer wieder Feldsteine und größere Geschiebeblöcke ausgegraben werden, hat verschiedene Ursachen. Nicht dass die Feldsteine "wachsen", sie können nur kleiner werden, aber erstens kommen immer noch mehr Flächen für den Anbau des berühmten Beelitzer Spargels hinzu, zweitens greift die Bearbeitung für den Anbau des Spargels recht tief in den Boden, drittens wird durch den Regen stetig etwas von den höheren Lagen in die Niederungen gespült und viertens werden die Steine bei starkem Frostwechsel in den Wintermonaten allmählich in die obere Lage des Bodens gedrückt.
Dass die Steine während der Eiszeit aus dem Norden kamen, ist schon lange bekannt. Vor 125 Jahren setzte sich dann auch die Erkenntnis durch, dass die Gletscher einer riesigen Inlandeisdecke die Gesteine aus Skandinavien und dem Ostseeraum transportierten. Durch die gründliche Kenntnis des geologischen Aufbaus Skandinaviens, erreicht durch eine über Jahrzehnte währende geologische Kartierung und zahllose wissenschaftliche Untersuchungen der Gesteinsarten, ist ein Vergleich unserer Geschiebe mit den in Skandinavien im festen Untergrund anstehenden Gesteinen möglich.


Abb. 06 u. 07: Skizze mit der Herkunft einiger Leitgeschiebe sowie eine tabellarische Legende.
Der Süden und Osten Norwegens, Schweden, Finnland, die Halbinsel Kola, Teile des Baltikums und des Untergrundes des Ostseeraumes gehören zu einem alten Kontinentalsockel, einem präkambrischem Schild. Dieser besteht aus einem mehrfach gehobenen und gefalteten Grundgebirge, was zum überwiegenden Teil aus Graniten und Gneisen aufgebaut ist. Vor über ein bis zwei Milliarden Jahren entstanden diese Gesteine in mehreren Kilometern Tiefe im Sockel des Baltikums und des Ostseeraumes. Heute ragen sie mehr als eintausend Meter über dem Meeresspiegel und bilden somit die Gebirge Norwegens und Schwedens. So wird verständlich, dass bei unseren Geschieben die kristallinen Tiefengesteine (Granite und Gneise) überwiegen. Zudem sind die Sedimentgesteine meist weicher und werden somit beim Transport leichter zerbrochen und zerrieben.
Seit etwa 100 Jahren wird nun durch vergleichende Untersuchungen versucht, die genaue Herkunft unserer Geschiebe zu bestimmen. So wurde das Konzept der Leitgeschiebe entwickelt, wobei die Geschiebe in allen Details mit den Gesteinen am "Ursprungsort" übereinstimmen. Die Verbindungslinien zwischen dem Fundpunkt des Geschiebeblocks und dem Herkunftsgebiet kann bis über 1000 km betragen. Der Weg eines solchen Blocks ist aber meist länger und verschlungener als diese Verbindungslinien.

Abb. 08: Blick auf eine Ausstellungsfläche; im Findlingsgarten liegen verstreut Findlinge verschiedener Gesteinstypen, meist mit Hinweistafeln versehen.

Abb. 09: Ein "Adergneis-Findling" als Beispiel für Präsentation und Beschriftung.

Abb. 10: "Augengneis", bereichsweise geschliffen und poliert; eingeblendet vergrößerte Teilansichten der polierten Flächen.

Abb. 11 u. 12: Zwei Sandstein-Geschiebe mit deutlichem Windschliff, sog. "Einkanter".

Abb. 13: Ein sog. Windkanter als "Mehrkanter" in überdimensionaler Größe ziert den Eingangsbereich des Findlingsgartens.
Wie der Name unserer parkähnlichen Anlage (ca. 2,6 ha groß) schon sagt, steht an erster Stelle eine Freiland-Darstellung von Findlingen und Geschieben an, wie sie überwiegend in der näheren Umgebung und insbesondere bei der landwirtschaftlichen Bearbeitung für den Spargelanbau anfallen. Meist sind magmatische und metamorphe Gesteinstypen zu sehen. Man kann aber auch auf den Lesesteinhaufen der Ackerflächen sedimentäre Gesteine finden die Fossilien beinhalten. Im westlichen Teil des Findlingsgartens sind einige größere Lesesteinhaufen extra für unsere Gäste aufgeworfen worden. Hier darf man fleißig nach steinerne "Schätze" suche.

Abb. 14 u. 15: Links ein Seeigel-Steinkern in einer aufgebrochenen Flintknolle (Galerites sp., orale Ansicht), rechts der Abdruck eines Seelilienstielgliedes in einem sedimentären Geschiebe.

Abb. 16: In einem Kalksteingeschiebe (Roter Orthocerenkalk, Ordovizium) enthaltener Cephalopode, der nach einem Teil-Anschliff eine deutliche Kammerstruktur nebst zentralem Sipho zeigt.

Abb. 17 u. 18: Zwei künstlerische Findlings-Darstellungen (links "Der Butt", rechts "Der Augenblick"), wie sie von Victor Bisquolm (Bad Belzig) umgesetzt wurden.


Abb. 19 u. 20: Lesesteinhaufen für unsere heimischen "Zaungäste", Ersatzdomizil für Zauneidechsen.

Abb. 21 u. 22: Lust auf Steine, dann seien Sie herzlich eingeladen im Findlingsgarten Seddiner See (Ortsteil Kähnsdorf der Gemeinde Seddiner See).
Siehe auch unter: "Kristalline Geschiebe von den Beelitzer Spargelfeldern",
https://fossilien-steine.hpage.com/kristalline-geschiebe.html
Literaturempfehlung:
Ehlers, J. (2011) - Das Eiszeitalter, Spektrum akademischer Verlag
Fraedrich, W. (1996) - Spuren der Eiszeit, Landschaftsformen in Europa, Springer Verlag
Gravesen, P. (1993) - Fossiliensammeln in Südskandinavien, Geologie und Paläontologie von Dänemark, Südschweden und Norddeutschland, Goldschneck-Verlag
Hansch, W., Schallreuter, R., Hinz-Schallreuter, I., Lierl, H.J. (1994) - Nordische Geschiebe, Zeugen der Eiszeit, Städtisches Museum Heilbronn, museo 7/1994
Hucke, K., Voigt, E. (1967) - Einführung in die Geschiebeforschung (Sedimentärgeschiebe), Nederlands Geologische Vereniging-Oldenzaal
Lehmann, J. (2023) - Per Eisfracht verschickt, Geschiebe-Fossilien, Fossilien, Sonderheft 2023
Lienau, H.-W. (2003) - Geschiebe, Boten aus dem Norden, Pacol Hamburg
Rudolph, F. (2016) - Eiszeit, das Abenteuerbuch für Sammler und Forscher, Wachholtz Verlag
Rudolph, F. (2017) - Das große Buch der Strandsteine, Die 300 häufigsten Steine an Nord- und Ostsee, Wachholtz Verlag
Rudolph, F., Bilz, W., Pittermann, D. (2019) - Fossilien an deutschen Küsten, Finden und Bestimmen, Quelle & Meyer Verlag
Schulz, W. (2003) - Geologischer Führer für den norddeutschen Geschiebesammler, cw Verlagsgruppe
Smed, P., Ehlers, J. (2002) - Steine aus dem Norden, Geschiebe als Zeugen der Eiszeit in Norddeutschland, Gebrüder Borntraeger
Vinx, R. (2005) - Gesteinsbestimmung im Gelände, Elsevier GmbH/Spektrum Akademischer Verlag
Vinx, R. (2016) - Steine an deutschen Küsten, Finden und Bestimmen, Quelle & Meyer Verlag
Vinx, R. (2025) - Gesteine, Dokumente der Erdgeschichte, Ihre Entstehung und Bedeutung für Klima, Leben und Landschaft, Quelle & Meyer Verlag
Zandstra, J.G. (1999) - Platenatlas van noordelijke kristallijne gidsgesteenten, BackhuysPublishers, Leiden
Anhang mit aktuellen Ansichten vom Findlingsgarten Seddiner See sowie eine "bunte" Vielfalt weiterer eiszeitlicher Geschiebe sowie biotopische Anmerkungen:

Abb. 23: Blick auf eine der Ausstellungsflächen; hier werden eiszeitliche Geschiebe (magmatische, metamorphe und sedimentäre Gesteine) in einer "bunten" Vielfalt präsentiert

Abb. 24: Am südöstlichen Rand des Findlingsgartens befindet sich diese Gesteinsgruppierung mit ausgesprochenen Großfindlingen; der dort gekennzeichnete Granit zeigt markant runde Kalifeldspataugen sowie schmale Plagioklasringe; wahrscheinliche Herkunft: SW-Finnland

Abb. 25: Åland-Wiborgit

Abb. 26: Åland-Wiborgit, angeschliffene Fläche (Abb. 25): rotbraune Alkalifeldspat-Ovoide mit einem Saum aus grünem Plagioklas sowie zwei Generationen von Quarz und Feldspat, Alter ca. 1,58 - 1,56 Milliarden Jahre, Leitgeschiebe, Herkunft Åland

Abb. 27: Småland-Granit

Abb. 28: Småland-Granit, angeschliffene Fläche (Abb. 27): rotbraune Kalifeldspäte sowie milchig-graue bis blaue Quarze, Alter ca. 1,85 - 1,65 Milliarden Jahre, Herkunft Transskandinavischer Magmatitgürtel

Abb. 29: Gneis mit einer "speziellen" Gesteinsausbildung in Form einer ausgeprägten Faltung, unbestimmtes Alter, Herkunft Skandinavien

Abb. 30: Granit vom Filipstad-Typ (angeschliffene Fläche), Alter ca. 1,85 - 1,65 Milliarden Jahre, Herkunft Värmland oder Östergötland

Abb. 31: Porphyrischer Quarzmonzonit (angeschliffene Fläche), roter Alkalifeldspat, Plagioklas (grün), Quarz (hellgrau) sowie Biotit (schwarz), Alter ca. 1,85 - 1,65 Milliarden Jahre, Herkunft Skandinavien

Abb. 32: Pegmatit (Blick auf eine kantige Bruchfläche), spezielle Gesteinsausbildung mit sehr großen Kristallen (hier mit Feldspat und Quarz), unbestimmtes Alter, Herkunft Skandinavien

Abb. 33: Migmatischer Gneis (angeschliffene Fläche), an dem sich einst eine Metamorphose bei hohen Temperaturen und Drücken vollzog (Aufschmelzung von Alkalifeldspat und Quarz mit nachfolgender Kristallisation), unbestimmtes Alter, Herkunft Skandinavien

Abb. 34: Grobkörniger Småland-Östergötland-Granit (angeschliffene Fläche), mit hellrotem bis grauviolettem Alkalifeldspat, Blauquarz, weißem Plagioklas sowie Biotit und Hornblende, Alter ca. 1,85 - 1,65 Milliarden Jahre, Herkunft Transskandinavischer Magmatitgürtel (TIB)

Abb. 35 u. 36: Porphyrischer Rapakiwi-Granit (Kökar-Typ), mit hellen Alkalifeldspat-Einsprenglingen und rotbraunem Plagioklas, Alter ca. 1,58 - 1,56 Milliarden Jahre, Herkunft Kökar/Provinz Åland

Abb. 37: "Seddiner Tropfen", eine Findlingsskulptur von Klaus W. Rieck (Berlin), siehe hierzu auch: https://fossilien-steine.hpage.com/findlingsskulptur.html

Abb. 38: Porphyrischer Quarzmonzonit, angeschliffene und polierte Findlingsskulptur (siehe Abb. 37)

Abb. 39 u. 40: Jotnischer Sandstein, Sedimentgestein mit Wechsellagerung von sandigen und kiesigen Lagen, meist kräftig rot bis grauviolett gefärbt, Alter 1,4 - 1,2 Milliarden Jahre, Herkunft Dalarna, Ostsee u.a. Gebiete

Abb. 41: Gesteinsgruppierung mit meist sandsteinartigen Gesteinen (Sedimentärgeschiebe), darunter auch Sandsteine aus dem Unterkambrium mit Spurenfossilien (z.B. Skolithos sp.), Alter ca. 541 - 520 Millionen Jahre, Herkunft Südschweden und Ostsee

Abb. 42: Paläoporellenkalk (Sedimentärgeschiebe), aufgebaut aus Röhren koloniebildender Röhrenalgen, Alter Ober-Ordovizium (ca. 445 - 452 Millionen Jahre), Herkunft Ostsee

Abb. 43 u. 44: Paläoporellenkalk (Detailansichten mit angedeuteten Schichtflächen, siehe Abb. 42)

Abb. 45: Ein aufgeschütteter "Lesesteinhaufen" (westlicher Bereich des Findlingsgartens), extra angelegt für Steinesammler und sonstige Gesteinsfreunde

Abb. 46 u. 47: Zwei Fundbespiele vom "Lesesteinhaufen" (Abb. 45): Unterkambrischer Sandstein mit dem Spurenfossil Skolithos sp. sowie ein "aufgebrochener" Feuerstein, hier in einer gefleckten Ausprägung

Abb. 48: Eine von vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich mit Feldsteinen geradezu anbieten: Ein angelegter "Trockenwall" aus mittelgroßen Feldsteinen, der bereits üppig mit angepassten Pflanzen und Flechten bewachsen und der auch eine Vielzahl von Insekten und Kleintieren als Biotop dienlich ist.


Abb. 49 - 52: Vier Detailfotos vom angelegten "Trockenwall" (trocken und warm, Biotop, Abb. 48): Brauner Grashüpfer (Chortippus cf. brunneus, Feldheuschrecke, Abb. 49), Feuerwanzen (Pyrrhocoris apterus, sichtbar sind Tiere in drei verschiedenen Entwicklungsstadien, Abb. 50), verschiedene blühfähige Pflanzen sowie verschiedene Flechtenarten (Abb. 51 u. 52)

Abb. 53: Die "schwimmende" Findlingskugel, eine besondere Attraktion im Findlingsgarten Seddiner See: Eingeweiht 2014, mit einem Basisblock aus schlesischem Granit (ca. 5 t) und einer aufliegenden Findlingskugel (1,4 t, Durchmesser 1,05 m, Herkunft Halmstad, SW-Schweden)
Nordische Geschiebe
Auf weiten Feldern, grün und weit,
versteckt sich die Zeit in stiller Einsamkeit.
die Winde rauschen, die Halme singen,
von alten Zeiten, die hier vergingen.
Die Steine liegen fest und schwer,
sie tragen Geschichten, die niemand mehr hört.
In ihren Spalten, in ihrem Glanz,
lebt die Erinnerung, ein bunter Tanz.
Hier ruhen Fossilien, in Stein gebannt,
sind Zeugen des Lebens, das einst hier bestand.
Ein Muschelabdruck, eine Spur so fein,
erzählen von der Erde und vom werden des Seins.
Auch wenn die Zeit vergeht, sie bleibt doch hier,
auf Feldern liegend, Geschiebe im stillen Revier.
Ein Schatz der Natur, verborgen und doch klar.
Fossilien erzählen, was einst hier war.
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