Fossilien aus der Rügener Schreibkreide - Teil 3

23.10.2024 / 25.04.2025


Der nachfolgende Beitrag wurde bereits 2004 im online-Magazin "leitfossil.de" publiziert. Hier postum eine etwas veränderte Fassung.


Alle Jahre wieder - Kreideabbrüche an Rügens schönster Küste, Exkursionszeit für Fossiliensammler!


Seit jahrzehnten besuche ich regelmäßig die Insel Rügen und suche dabei auch in der Rügener Schreibkreide (Ob. Unter-Maastrichtium) nach Fossilien. Stetige Naturprozesse an den Steilküsten zwischen Sassnitz und Lohme sowie am Kap Arkona, besonders in den Wintermonaten, werden dabei deutlich sichtbar.

Kreideabbrüche im kleinen wie im großen Maße unterliegen den unaufhaltsamen Verwitterungsprozessen, besonders in der kalten Jahreszeit. Die so entstehenden Frostabbrüche sind das Ergebnis eines sich wiederholenden Temperaturwechsels um den Gefrierpunkt, wobei die an Volumen zunehmenden Eiskristalle in der feuchten Kreide eine absprengende Wirkung ausüben. Mit dem Tauprozess beginnt das Herabfallen des feinen und groben Kreidematerials, der eingelagerten Feuersteine und des Geschiebemergels. Aber man sieht am Strand auch immer wieder Strauchwerk und Bäume liegen, die zuvor etliche Meter höher im Buchenwald der Stubnitz standen. Das Ostseewasser färbt sich dann nach Aufarbeitung des Abbruchmaterials durch die See für Tage und Wochen milchig weiß.


Abb. 1: Milchig-weiße Ostsee durch Kreideabbruch an den Wissower Klinken; Blick in Richtung E.-M.-Arndt-Sicht (Aufnahme 2004).


Die geschilderten Situationen sind zwar bestens für die Fossiliensuche geeignet, aber gerade hierbei ist immer äußerste Vorsicht geboten, ein Verweilen unter dem Kliff sogar lebensgefährlich!

Die großen Abbrüche und Rutschungen an der Kreideküste unterliegen aber meist anderen Ursachen (Schrägstellung der Schichten, unterschiedlicher Feuchtgehalt zwischen Kreide- und Geschiebematerial und deren Gleitverhalten). Zudem wirkt auch ein massiver Druck von der Landseite auf das Kliff. Ist der "Gegendruck" des freistehenden Kliffs nicht mehr ausreichend, kann es zu einem größeren Abbruch kommen. So brachen im März 2002 etwa 25000 Kubikmeter Kreide südlich des Kollicker Baches ab und stürzten in die Ostsee. Dort lagen die Abbruchmassen monatelang in Form einer kleinen Halbinsel in der Ostsee.

Weitere Kreideabbrüche kündigen sich meist an. Zahlreiche Risse in den Kreidewänden sind dann vorab schon sichtbar aber auch ohne dergleichen Anzeichen kann es "unangekündigt" zu Kreideabbrüchen kommen.


Abb. 2 u. 3: links Kreideabbruch an den Wissower Klinken; rechts Echinocorys sp. im Feuerstein (Kap Arkona, Strandgeröll).


Fossiliensuche in der Rügener Schreibkreide:

Es ist zu vermuten, dass man in frischen Abbrüchen besonders gut fündig werden kann. Dieser Grundsatz gilt leider nur bedingt, denn eine Vielzahl von Umständen trägt mit dazu bei, um fündig zu werden. Wetter und Lichtverhältnisse stets beachten, so ist z.B. grelles Licht für die Augen sehr belastend und Dauerregen für das "Durchhaltevermögen" eher negativ. Hinzu kommt dann noch der Schmier- und Kleistereffekt der Kreide. Gute Fundstellen sollte man mehrfach und aus verschiedenen Blickrichtungen absuchen. Größere Kreidebrocken kann man m.H. eines Gipserbeiles aufspalten. Fossilien, die nicht vollständig frei liegen, mit anhaftender Kreide mitnehmen und dann in Ruhe zu Hause frei präparieren. Nur lohnenswertes Spülsaummaterial für die Auslese von Kleinfossilien/Mikrofossilien mitnehmen (Lupentest!) und Feinschlamm ggf. im Ostseewasser aussieben. Durch Bruch gefährdetes Fossilmaterial sicher in Behältnissen transportieren. Achtung beim Zerschlagen von Feuerstein, denn dieser ist sehr hart und es kommt zu gefährlichen Absplitterungen. Bei Fossilien aus dem Strandgeröll entfallen z.T. die oben genannten Hinweise, denn diese sind oftmals schon stark abgerollt. 


Präparationshinweise:

Bürsten, schaben, sticheln, abwaschen ..., je nach Situation. Bedingter Einsatz von verdünntem Essig, Wasserstoffperoxid, Glaubersalz u.a. ist möglich. Schonendes Gefrierverfahren ist besonders für die Gewinnung von Kleinfossilien/Mikrofossilien geeignet. Mit Hilfe eines Ultraschallgerätes kann zusätzlich gereinigt werden. Klebearbeiten kann man mit Holzleim ausführen und das Ausfüllen von Hohlräumen bei filigranen Stücken auch mit Spezialklebern und Kunstharz ausfüllen. Kreidestücke werden abriebfest, wenn man diese mit verdünntem Holzleim oberflächlich tränkt.


Literaturempfehlungen:

Siehe hierzu unter Artikel: "Fossilien aus der Rügener Schreibkreide - Teil 1 und Teil 2", "Der Geschiebestrand zwischen Dwasieden und Mukran (Rügen) - Steilküste, Küstendynamik und Fossilfunde", "Artspezifik und Besonderheiten der Austernmuschel Pycnodonte vesicularis (LAM. 1806) aus der Rügener Schreibkreide" sowie "Das Kreidemuseum Rügen in Gummanz".


Abb. 4 u. 5: links cf. Brissopneustes ruegensis auf einer Flintplatte (Promoisel); rechts juvenile Salenide (Wissower Klinken, REM-Aufnahme: S. Diller - Wissenschaftliche Photographie - Würzburg).


Abb. 6 u. 7: links Kleinfossilien aus Spülsaummaterial (Bryozoen, Foraminiferen, Brachiopoden, Echinodermen-Elemente u.a., Kollicker Bach); rechts verschiedene Serpuliden aus Spülsaummaterial (Tipper Ort).


Abb. 8 u. 9: links Gyropleura ciplyana auf Belemnella sp. (Promoisel); Pycnodonte (Phygraea) vesiculare, rechte und linke Klappe mit Epifauna (Fahrnitzer Ufer).


Abb. 10: Paul, einst mein stets treuer Exkursionsbegleiter.


Siehe auch unter: https://fossilien-steine.hpage.com/fossilienausderruegenerschreibkreideteil1.html

https://fossilien-steine.hpage.com/fossilien-aus-der-ruegener-schreibkreide-teil-2.html



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